Demonstrieren 2.0

Macht eine Demonstration noch Sinn?“ fragt sich Boje nach den Bildern vom Samstag und verweist vor allem auf ein Artikel der Zeit. Meiner Meinung nach machen Demonstrationen weiter Sinn, allerdings nicht mehr unbedingt in der bisherigen Form.

Wiki definiert:

Eine Demonstration (von lat.: demonstrare, zeigen, hinweisen, nachweisen, Kurzform: Demo) ist eine in der Öffentlichkeit stattfindende Versammlung mehrerer Personen zum Zwecke der Meinungsäußerung.

Und genau hier steht das Entscheidende: Eine Demo dient dem Zweck der Meinungsäußerung.
Eine Demo hat also nicht den Sinn und Zweck aktiv etwas zu verhindern, sondern „nur“, den Demonstrierenden ein Forum in der Öffentlichkeit zu bieten. In den letzten Jahren hat sich das, was öffentlich ist, sehr verändert.

Mit den technischen Mitteln von vor 100 Jahren mussten Demonstrationen so ablaufen, wie das, was wir in Rostock anfangs gesehen haben. Große Menschenmengen, die sich nahe am Ort des Geschehens, gegen das sie protestieren, im öffentlichen Raum einer Stadt zu treffen. Damals war diese Form zeitgemäß, denn es gab die Massenmedien noch nicht, die wir heute haben.

Die Massenmedien Rundfunk und Überregionale Zeitungen verbunden mit der Pressefreiheit löst die Ortsgebundenheit einer Demonstration auf. Auch hier in München kann ich live sehen, was auf einer Demo in Rostock passiert.
Warum wird dann aber in Rostock demonstriert?
Warum finden Demonstrationen noch immer in Städten statt?

Städte sind für Demonstrationen eigentlich denkbar ungeeignet.

  • Städte sind eng: Nur selten gibt es Plätze, auf denen alle Demonstrierende zusammen vor einer Bühne stehen können und dort den Reden der Veranstalter lauschen und deren Argumente durch ihre Anwesenheit unterstreichen.
  • Städte sind eng: Über enge Straßen auf vorbestimmten Routen bahnen sich die Menschen ihren Weg zum Kundgebungsort. Passiert etwas auf dem Weg (zB ein Demonstrant bekommt einen Herzinfarkt) können Hilfskräfte nur schwer vor Ort kommen. Bricht eine Massenpanik aus, wird es schwer zu flüchten.
  • Städte sind unübersichtlich: Den Kamerateams fällt es so nicht leicht, medienwirksame Bilder einzufangen.
  • Städte sind wertvoll: Überall finden sich in Städten Wertgegenstände, die zerstört, beschädigt oder geklaut werden können.
  • Städte sind gefährlich: Schnell lässt sich Umherstehenden als Waffe missbrauchen

Als Beispiel möchte ich den Papstbesuch des letzten Jahres heranziehen. Auch dieser war eine einzige, große Demonstration. Eine Demonstration der Stärke des Katholizismus in Deutschland. Auch hier gab es Großkundgebungen.
Eine fand in Regensburg statt. Aber nicht im Stadtkern, sondern 5 Kilometer entfernt auf der grünen Wiese. Rettungskräfte konnten hier schnell zu den Verletzten, bei einer Massenpanik hätte in jede Himmelsrichtung geflüchtet werden können, die Kamerateams konnten Phantastische Aufnahmen der gesammelten Schaar machen und falls Krawallmacher zu stören versucht hätten, so hätten sie nicht zu werfen gefunden, außer Erde, Kieselsteinen oder Mitgebrachtem.

Wir leben im Zeitalter der Massenmedien, wir sind dank Auto, Bahn, Schiff und Flugzeug unheimlich mobil.
Warum also an dem Ort demonstrieren, an dem die größt mögliche Gefahr für Leib und Leben der Demonstranten und unbeteiligter Bürger ist?
Warum nicht in der Nähe von Kassel demonstrieren? Kassel liegt verkehrsgünstiger, viele Demonstranten hätten einen kürzeren Anfahrtsweg und würden darum in größerer Anzahl erscheinen und die Kamerateams wären trotzdem in großer Zahl erschienen und hätten die Botschaft in alle Welt transportiert. Dafür hätten wir uns diese hässlichen Bilder der Zerstörung und Gewalt gespart und könnten nun über die Argumente der Gipfelgegner diskutieren, statt über die Idiotie der Krawallmacher.

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8 Kommentare ↓

#1 /teuchtlurm/blog am 04.06.07 um 20:10

Demos auf der grünen Wiese?…

Unter den Demos zum G8-Gipfel haben vor allem die Bewohner von Rostock zu leiden. Warum finden solche Großdemos eigentlich nicht auf der grünen Wiese statt? Die Vorteile lägen auf der Hand:

genug Platz für Demonstranten und Presse

#2 Samthammel am 04.06.07 um 20:23

Wäre vielleicht nicht schlecht gewesen, das Ganze etwas „ländlicher“ zu veranstalten.
Wenn ich mir so die heutigen Überschriften (und mehr lese ich von diesen Käseblättern nicht!) betrachte, klingt das wieder kräftig nach Unterstützung für die „Sicherheitsmaßnahmen“ der Politker. :-(

#3 Boje am 04.06.07 um 22:18

Ist es nicht naiv, zu denken, daß der Ort entscheident dafür ist, ob Krawall gemacht wird oder nicht? Der Vergleich Papstbesuch vs. G8-Gipfel hinkt meiner Meinung nach. Und werden Demonstrationen nicht deswegen vor Ort abgehalten, damit die Menschen ihren Protest hörbar machen können, weil sie sonst das Gefühl haben, NICHT gehört zu werden)? Ich glaube, die Taubheit ist das Problem. Nicht der Ort und nicht die Demonstranten und auch nicht die Autonomen.

#4 Marnem am 04.06.07 um 22:51

Die Autonomen randalieren, wann und wo sie wollen. Nur wie groß die von ihnen ausgehende Gefahr ist, wird auch von ihrer Umgebung und was sie als Wurfgeschosse zu Verfügung stellt, geprägt.

Die Gefahr, nicht gehört zu werden ist da, natürlich. Aber die Medien gieren doch nach jedem Fitzelchen Material, dass sie versenden können. Die kommen auch auf die grüne Wiese.

Die Reaktion der Politik auf die Ziele der Demos ist natürlich schwach. Wenn ich aber auch sage, dass ich das bei weitem nicht in jedem Punkt schlecht finde.

#5 Farlion am 04.06.07 um 23:22

@Boje
Rostock ist nicht Heiligendamm, also kann von „vor Ort“ schonmal nicht die Rede sein.
Und wo ist der Unterschied zwischen der grünen Wiese und einer Stadt, wenn es um die „Hörbarmachung“ geht? Ich glaube nicht, dass die Rostocker selbst so erpicht darauf waren, sich „anzuhören“ was da gerade abgeht.
Das ist auch eine Art von Nötigung. Über die Anwohner verlieren die Autonomen übrigens kein Wort. Immer nur „…wir, wir, wir…“. Damit sind sie nicht besser, als die Leute, die sie kritisieren. Sie lassen auch Menschen unter ihrer Knute leiden, die ihnen gar nichts getan haben.

@Marnem
Autonome, die auf der grünen Wiese randalieren, hätten aber letztlich wahrscheinlich nur die friedlichen Demonstranten als Ziel. Darauf würde sich kein Veranstalter einlassen. Man hat doch jetzt in Rostock schon gesehen, wie Autonome aggressiv gegen friedliche Demonstranten vorgegangen sind.

#6 Boje am 04.06.07 um 23:52

@Farlion
Natürlich weiß ich, daß Rostock nicht Heiligendamm ist. Wenn ich sowas lese, geht mir schon wieder die Hutschnur hoch! Ehrlich!

„…wo ist der Unterschied zwischen der grünen Wiese und einer Stadt…“

Der Unterschied liegt darin, daß die, die es eigentlich hören sollen nicht anwesend sind – und seien es nur die Damen und Herren im Rathaus, die stellvertretend den Protest in Empfang nehmen. Meinetwegen stell Dir eine Horde Bauern vor, die bei ihrem Lehnsherren gegen die Politik des Königs protestiert, in der Hoffnung, daß andere (z.B. Rostocker Bürger) sie dabei unterstützen.

Und noch was: Habe ich irgendwo geschrieben, daß ich autonome Randalierer toll finde?

#7 Farlion am 05.06.07 um 01:29

@Boje
Jetzt verstehe ich aber Deine Aufregung nicht. :)
Ich habe Dir doch gar keine Sympathien zu den Autonomen unterstellt.
Wenn es nur darum geht, sich Gehör zu verschaffen, wäre Berlin wohl denkbar besser für die Demos gewesen als Rostock. Rostock wurde doch auch nur wegen der Nähe zu Heiligendamm gewählt, wohl wissend, dass es IN Heiligendamm genau so wenig gehört würde, als wenn die Demo in Berlin gewesen wäre. In Berlin dagegen halten sich immer noch genug Bundestagsabgeordnete und Regierungsmitglieder auf, die qualifizierteren oder „zuständigeren“ Ohren wären zweifellos dort gewesen.
Davon angesehen ist heute der „hörbare“ Protest in einer Stadt gar nicht mehr nötig, da über die elektronischen Medien sowieso eine viel größere Masse an Menschen erreicht wird.
Für die Anwohner solcher Demonstrationsorte ist es nunmal größtenteils einfach nur eine Belastung.

#8 Shortcut (24.09.07) — Marnems Sicht der Dinge am 24.09.07 um 14:05

[…] am Samstag: Ich hatte im Vorfeld nicht darüber berichtet, weil ich Ausschreitungen wie in Rostock befürchtete und keinen Leser in den Hexenkessel schicken wollte, Polizeizugriffe bei Demo […]

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