Yahoo, das Web 2.0 und ein Beispiel, wie man es nicht macht

Historisches
In der Frühzeit des Internets, als es noch keine Suchmaschinen gab, fand man auf jeder Webseite eine lange Liste an Links, die der Autor der Webseite empfahl. Zusätzlich hatte jeder Internetnutzer eine lange, lange, lange Liste an Bookmarks in seinem Browser. Neue Webseiten brauchen Wochen bis Monate, bevor sich auch nur ein Nutzer darauf einfand, da URLs mehr oder weniger nur per Werbung und Mund-zu-Mund-Propaganda weiter getragen werden konnten.
Doch dann kam Yahoo. Also ich irgendwann Ende 1995 zum ersten mal Yahoo.com entdeckte, war es für mich wie eine Offenbarung:
Ein Katalog nach Stichworten sortierter Webseiten
Endlich konnte man drauf los surfen und einfach mal gucken, was es in der Welt so gab.

10 Jahre später spielte Yahoo für die meisten Internetnutzer keine Rolle mehr. Yahoo hatte den Anschluss verpasst, Google war das Mittel der Wahl. Yahoo benutzte man nur noch da, wo man es nicht bemerkte, Flickr oder del.icio.us zum Beispiel.

Aktuell
Heute, 12 Jahre nach Gründung, ist Yahoo wieder in aller Munde. Zumindest was die deutsche Blogosphäre angeht. Dafür gibt es drei Gründe:

  • Chinesische Dissidenten und deren Festnahme
  • Adical und die Blutblogger
  • Flickr und die Zensur

Aber der Reihe nach.
Vor fast 5 Jahren wurde Wang Xiaoning in China festgenommen. 2003 wurde er wegen Landesverrat verurteilt. Dem ging voraus, dass Wang 2001 von einem Yahoo E-Mail-Account an eine anonyme Usegroup geschrieben hatte. Yahoo hat dann 2002 die Identität Wangs den chinesischen Behörden bekanntgegeben. Im der Zeit von 2002-2004 hat Yahoo die Identitäten von mindestens drei weiteren Yahoo-Nutzern an die Behörden Chinas geliefert, in allen vier Fällen wurden langjährige Haftstrafen verhängt. Am 18.04.2007 reichte Wang Xiaonings Frau in den USA Klage gegen Yahoo ein.

Adical ist ein recht junger Werbevermarkter aus Deutschland, der sich besonders an die Blogosphäre wendet, aus der Adical auch erwachsen ist. Beiden bisher drei vermarkteten Kampagnen handelt es sich um Cisco, Casio und Yahoo. Insbesondere die Kampagnen von Cisco und Yahoo (seit 11.06.2007) stehen im Sperrfeuer der Kritik, unterstützen beide Firmen doch die chinesische Regierung dabei, den chinesischen Bürgern einen von allen für die chinesische Regierung missliebigen Inhalten gesäubertes Internet anzubieten.

Flickr ist ein 2004 gegründeter mit Social Tagging gepaarter Foto-Sharing-Dienst aus den USA, der Anfang 2005 von Yahoo gekauft wurde. Seit März fordert Flickr seine Nutzer auf, ihre Fotos in eine der drei Kategorien „Safe“, „Moderate“ oder „Restricted“ einzuordnen, um zu verhindern, dass zB Kinder oder Großmütter (sic!) ihnen unangemessene Inhalte zu sehen bekommen. Dienstag schaltete Flickr weltweit verschiedene Sprachversionen frei, nachdem zuvor der Dienst nur auf Englisch verfügbar war. Im Zuge der Sprachumstellung wurden zahlreiche Veränderungen an Flickr vorgenommen, um es den Gesetzen der Herkunftsländer der Nutzer anzupassen. Dazu wurden die Nutzer anhand der in ihrer Yahoo!ID gespeicherten Informationen sortiert. Für deutsche Nutzer bedeutet das nun, dass sämtliche Bilder die „Moderate“ oder „Restricted“ eingestuft sind, nicht mehr angezeigt werden. Dabei spielt das Alter der Nutzer keine Rolle und es gibt keine Möglichkeit den eigenen Account umzustellen, um wieder die Freie Bilderwahl zu haben.

Soweit die Ausgangslage. Yahoo unterstützt also Zensur in China und sorgt dort dafür, dass nicht regierungstreue Nutzer weggesperrt werden, schaltete Werbung in der Deutschen Blogosphäre und zensiert anschließend einen gerne genutzten Fotodienst.
Wie blöd kann man eigentlich sein, frage ich die Manager von Yahoo. Wie oft muss man mit dem Kopf gegen die Wand gerannt sein, um in einem Zeitraum, in dem das Firmenimage gerade gewaltig gelitten hat (Anzeige der Ehefrau Wang Xiaonings), zuerst Werbung in der Blogosphäre zu schalten (wo doch jede Adical-Werbekampagne große Kritik hervorruft) und dann den Bloggern auch noch ihre Fotos wegnimmt?
Ich weiß, ich weiß. Yahoo ist ein großes, weltweites Unternehmen. Da müssen die deutschen Manager nichts von der Anzeige in den USA mitbekommen haben. Da müssen die Flickr-Programmierer nicht in Deutschland nachfragen, ob der Zeitpunkt für Zensur gerade passt (abgesehen davon, dass er nie passt). Aber diese Häufung schlechter Publicity ist bemerkenswert und mich würde nicht wundern, wenn da Köpfe rollen werden.

Zukunftsausblick
Die Blogosphäre ist in Aufruhr, Yahoo’s Image angekratzt, aber welche Auswirkungen wird es haben? Das kommt ganz darauf an.
Die Blogosphäre liebt Skandale. Themen, die polarisieren und besonders Themen, bei denen es jemanden ungestraft zu verprügeln gibt, sind gut dazu geeignet, seine eigene Meinung kund zu tun. Also läuft die Blogosphäre heiß, da zum Thema Yahoo jeder etwas sagen kann, jeder hat schon mal Yahoo benutzt und kann darum eigene Erfahrungen mitteilen, warum er Yahoo noch nie leiden konnte bzw warum er Yahoo liebte und nun bitter enttäuscht ist. Aber nicht nur das: Man kann gegen Yahoo sogar aktiv etwas unternehmen!
Yahoo hat bei keinem seiner Dienste ein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt neben Flickr andere Foto-Sharing-Dienste, del.icio.us hat in Mr.Wong eine deutsche Copycat als Konkurrenz und Yahoo-Mail braucht sowieso niemand (vgl AOL-E-Mail-Adressen). In den nächsten Tagen wird das Thema Yahoo immer weiter am köcheln bleiben. Man wird sich darüber unterhalten, welche alternativen es zu den Yahoo-Diensten gibt, dann wird man sich darüber unterhalten, wie man seine Daten aus Yahoo heraus bekommt und dann wie man sie in die neuen Dienste integriert. Zwei Tage später kann man dann ein erstes Fazit ziehen, warum der neue Dienst so wieso viel besser als Yahoo’s Dienste ist bzw was der neue Dienst alles von Yahoo kopieren soll.
Alles in allem zwar ein Rückschlag für Yahoo, aber nur ein Kleiner, schließlich betrifft er ja nur Deutschland. Und auch nur die Blogosphäre.

Interessant wird es allerdings, wenn die großen Zeitungen nächste Woche keine Skandalgeschichten aus anderen Ecken der Welt zu fressen bekommen. Yahoo ist schließlich kein kleines Startup, wenn man da ordentlich drauf schlagen will hat jede Zeitungsrubrik etwas davon. Der Technik-Teil diskutiert alternative Dienste, der Politik-Teil die Menschenrechtssituation in China, das Feuilleton den Niedergang des Internets und der Wirtschaftsteil die Auswirkungen auf Yahoos Umsatz und die Internetbranche allgemein.
Hat Yahoo also Pech, werden sehr, sehr viele deutsche von der Geschichte mitbekommen und Yahoo’s Image wird leiden. Und da man auch auf der Arbeit oder in der Krabbelgruppe darüber diskutieren kann, welcher Dienstleister besser, etc, ist, werden viele Leute Yahoo den Rücken zuwenden. Und dann könnten sich Zeitungen aus dem Ausland dafür interessieren.

Yahoo könnte mit einem blauen Auge davon kommen, wenn sie schnell reagieren und Flickr wieder frei schalten.
Yahoo könnte mit zwei blauen Augen davon kommen, wenn sich heute oder bis morgen Mittag ein größerer Skandal oder eine Naturkatastrophe passiert.
Yahoo könnte mit zwei blauen Augen, einigen Tiefschlägen, einer gebrochenen Nase von dannen wanken, falls sich die Zeitungen für das Thema interessieren sollten.

Was sollte Yahoo sofort tun?
Yahoo sollte ganz groß zu Kreuze kriechen.
Als aller erstes muss sofort ein Blogbeitrag her, in den sich Flickr bei den Nutzern entschuldigt und ankündigt, die Zensurmaßnahmen innerhalb kürzester Zeit aufzuheben.
Dann muss Flickr einen schuldigen präsentieren und ihn köpfen. Die Blogosphäre steht auf Blut, außerdem kann sie sich dann selbstbeweihräuchern und ihren Sieg über ein Weltunternehmen feiern.
Dann sollte Flickr die Zensurmaßnahmen abschalten.
Yahoo sollte sich groß entschuldigen, sämtliche PR Fuzzis, die sie haben nach Deutschland karren und hier bei den auf Yahoo werbenden Unternehmen und bei der Medienbranche in jeden Hintern kriechen, der sich auftreiben lässt.
Mit etwas Glück gewinnt dann noch der Formel 1 Debütant Sebastian Vettel in den USA das Rennen und der PR-Supergau ist abgewandt.

Man wird sehen…

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4 Kommentare ↓

#1 Samthammel am 16.06.07 um 13:19

Bevor ich mein Blog erstellt habe, war bei mir auch die Bilderspeicherfrage. Glücklicherweise habe ich die Möglichkeit (dank Fuzz) die Bilder auf meinem Server zu speichern.
Ich bin froh, mich so entschieden zu haben.

#2 gUEROgIGANTE » Yahoo, Adical, China und Flickr am 16.06.07 um 18:13

[…] das alles miteinander zu tun hat? Das erklärt Marnem in diesem Beitrag sehr anschaulich. Ich selbst als Neuling im WebZwoNull bin via LondonLeben?sowie Technorati?auf […]

#3 Marnem am 18.06.07 um 13:56

ich habe schon vor der Aktion nur die Bilder auf Flickr gepackt, die mir nicht wichtig und va nicht persönlich sind. IMHO sollte man im Internet immer damit rechnen, dass der Dienstleiter einfach pleite geht und von heute auf morgen nicht mehr da ist. Darum versuche ich immer möglichst unabhängig zu bleiben. Mein Bilder hoste ich darum selbst.

#4 Flickr dreht am Rad und die Blogosphäre ihnen den Hahn ab » Marnems Sicht der Dinge am 18.06.07 um 15:51

[…] Yahoo, das Web 2.0 und ein Beispiel, wie man es nicht macht […]

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