Gewerkschaften und der Arbeitsmarkt

Wir leben in einem globalisierten Markt, in dem das sprichwörtliche Umfallen eines Sacks Reis in China Auswirkungen auf den hiesigen Arbeitsmarkt haben kann. Die Zukunft ist nun noch schwerer vorherzusagen und Zusammenhänge vielfach kaum noch nachvollziehbar. Die Geschwindigkeit, mit der sich Dinge ändern ist zT schwindelerregend, schön kann man dies bei den aktuellen Tarifverhandlungen der Lokführergewerkschaft GDL sehen.

Vor zwei Jahren sah der Arbeitsmarkt sehr düster aus. Entlassungen an allen Orten, die Neuwahlen waren noch nicht angekündigt und keder, der einen Job hatte, war froh darum. Dies drückt sich auch im GDL-Tarifvertrag 2005 aus. Die Referenzarbeitszeit wurde um eine Stunde erhöht, zugleich aber die tatsächliche Arbeitszeit beibehalten. Im Ergebnis bedeutete dies eine Lohnsenkung von 2,5%, dafür gab es 50 Euro „monatlichen Einmahlzahlungen“. Für Mitarbeiter, die mehr als 2000 Euro im Monat verdienten, bedeutete dieser Tarifabschluß also eine Gehaltseinbuße, dafür fühlte sich der eigene Arbeitsplatz gesichert an.

Im Jahre 2007 ist der Aufschwung da, die Arbeitslosigkeit fällt und zugleich auch alle Hemmungen der Tarifpartner. 7% mehr Lohn (mindestens aber 150 Euro) fordert die Gewerkschaft, die DB bietet:

  • 300 Euro pro Monat bis Ende des Jahres
  • 2% Lohnerhöhung ab 1.1.08 und weitere 2% ab 1.1.09
  • evtl eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden

7% Lohnsteigerung sind eine Menge und meiner Meinung nach zuviel! Ich finde diese reflexhafte Forderung nach mehr Lohn, sobald auch nur ein Silberstreif am Horizont zu sehen ist, typisch und schädlich. Es wäre es deutlich zweckdienlicher, die Bahn aufzufordern mehr Arbeitsplätze zu schaffen und die Fahrpreise zu senken.
Mehr Arbeitsplätze würde eine weitere Senkung der Arbeitslosigkeit und somit zu sinkenden Lohnnebenkosten und dadurch indirekt zu Lohnsteigerungen führen, zusätzlich würden aber mehr Menschen in Lohn und Brot kommen und dadurch der Aufschwung gefestigt.
Durch eine Fahrpreissenkung wäre die Bahn konkurrenzfähiger, was den eigenen Arbeitsplatz sichern helfen würde und außerdem für einen ordentlichen Schluck aus der Tarifpulle bei den nächsten Verhandlungen ermöglichen würde.
Ein Streik hilft hier nicht wirklich weiter. Er sorgt nur dafür, dass Bahnfahrer doch wieder auf das Auto oder Flugzeuge umsteigen und jeder solche Wechsel birgt die Gefahr, dass die Kunden nicht zurück kommen. Bis Anfang des Jahres fuhr Steffi mit dem Zug zur Uni nach Augsburg. Diese Zugstrecke ist nicht unbedingt die schlechteste, im Stundentakt fahren Züge hin und her. Mit der Fahrpreisanhebung zum Jahreswechsel verringerte sich der Preisvorsprung der Bahn deutlich und machte so zusammen mit den 10 Stunden, die Steffi per Bahn gegenüber dem Auto pro Woche unterwegs war, den Wechsel zum Auto sinnvoll.

Auf absehbare Zeit wird die Bahn privatisiert werden. Am Beispiel der Telekom kann man sehen, was dies bedeutet, wenn das Unternehmen nicht Wettbewerbsfähig ist. Zwar wird eine privatisierte Bahn keine solche Konkurrenz, wie es die Telekom erlebt hat, befürchten müssen, aber ineffiziente Strukturen, Bewegungslosigkeit und verharren in alten Handlungsweisen sorgt für Verkrustungen, die früher oder später aufgebrochen werden müssen und dann deutlich mehr Schmerzen erzeugen.

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5 Kommentare ↓

#1 Farlion am 03.07.07 um 13:05

Ich predige schon seit Jahren, dass die Gewerkschaften nicht unschuldig an der arbeitsmarktpolitischen Situation in Deutschland sind.
Aber nicht nur die überhöhten Forderungen sind eins der Probleme, sondern auch die soziale Ungerechtigkeit, die durch Gewerkschaften geschaffen wird.
Wenn ich mir beispielsweise die Tariflöhne in der Metallindustrie anschaue und setze die der Nahrungsmittelindustrie dagegen, dann verstehe ich immer wieder, warum Schulabgänger heute nicht mehr Metzger, Bäcker oder Koch werden wollen.

#2 Marnem am 04.07.07 um 00:46

Das verschiedene Branchen verschiedene Tariflöhne haben, ist meiner Meinung nach ok, schließlich machen Branchen wie zB das Metallverarbeitende Gewerbe meist mehr Gewinn als zB ein Friseursalon und kann darum seine Mitarbeiter besser entlohnen. Nicht ok sind aber die absoluten Niedrigstlöhne, die manche Gewerkschaften aushandeln. Konkrete Links und zahlen hab ich nicht im Kopf, glaube aber was von unter 5 Euro pro Stunde gelesen zu haben. Selbst McDonalds zahlt den ungelernten Kräften mehr.

#3 Thomas Kurbjuhn am 04.07.07 um 11:16

Ganz viele Arbeiter haben doch gar keinen Tariflohn, die trifft die Wirklichkeit des Niedriglohns mit voller Wucht. Die Gewerkschaften sind sicher erheblich mitschuldig an dieser Entwicklung, vertreten sie doch hauptsächlich gut verdienende Arbeiter wie z.B. jetzt die Lokführer. Meines Erachtens würde ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie von Dieter Althaus vorgeschlagen, kombiniert mit Abschaffung vieler Arbeitnehmerprivilegien wie z.B. dem Kündigungsschutz sowohl die Wirtschaft von ihren Fesseln befreien, einen Verelendungsschutz nach unten bewirken und viel Kreativität bei denen freisetzen, die jetzt diese Energie im Kampf mit dem Hartz-4-Amt vergeuden.

#4 Marnem am 04.07.07 um 12:35

Keinen Tariflohn? Vielleicht bin ich naiv, aber gibt es nicht für fast jede Berufsgruppe, für die eine Gewerkschaft existiert ein Tariflohn?

So gut verdienen Lokführer anscheinend nicht, dass man sie als „gut verdienende Arbeiter“ bezeichnen kann. Ein Einstiegsgehalt von 1500 Euro erscheint mir nämlich ziemlich niedrig, selbst Putzfrauen kommen doch schon fast an den 10 Euro Stundenlohn.

Das Grundeinkommen ist eine schöne Idee, würde sie doch vor allem der Verarmung von Familien mit Kindern entgegen wirken. Andererseits müsste das Grundeinkommen schon fast Harz4 erreichen, um wirksam zu werden und ich kann mir vorstellen, dass es nicht unbedingt leicht wäre, dies ordentlich ohne Neuverschuldung zu finanzieren, schließlich reden wir über rund 384 Milliarden Euro im Jahr.

Natürlich könnte man „Arbeitnehmerprivilegien“ wie den Kündigungsschutz abschaffen. Auch Arbeitsschutzmaßnahmen sind überflüssig, wenn man über die verletzten Arbeitnehmer hinweg sieht. Wobei das Konzept der Sklaverei schon auch seine Reize hatte.
Mal ohne Polemik, aber ist das Dein ernst, Thomas? Arbeitgeber wollen Planungssicherheit. Würde der Kündigungsschutz aufgehoben, würde die Fluktuation die Arbeitgeber nicht unbedingt glücklich machen. Der Kündigungsschutz sorgt nämlich nicht nur dafür, dass der Arbeitgeber seine Leute von Heute auf Morgen kündigt, sondern auch dafür, dass die Arbeitnehmer nicht einfach mitsamt ihrem Wissen von der Konkurrenz abgeworben werden.

#5 Thomas Kurbjuhn am 04.07.07 um 18:20

http://de.wikipedia.org/wiki/Tarifbindung
Für den Arbeitgeber lohnt sich die Tarifbindung nur, wenn er z.B. Planungssicherheit will und auch qualitativ anspruchsvolle Tätigkeiten anbietet, was ja auf den Lokführerbereich zutrifft. Bei Hilfsarbeiten dagegen, besonders im Osten,kann der Arbeitgeber nur gewinnen, wenn er auf Tariflöhne verzichtet. Und so kommen die Mickerlöhne zustande.Die Putzfrau bekommt 10Euro in den geschönten Darstellungen der Chefs großer Reinigungsunternehmen, in der Realität kann sie für 4 Euro schon dankbar sein. In der Betriebswirklichkeit gibt es meist eine Art Akkordlohn, der Stundenlohn existiert nur auf dem Papier. Ich war von 1998 bis 2004 Zeitungszusteller in Berlin, war auch recht aktiv in Gewerkschaft und Betriebsrat dabei. Bringt aber nix, da die großen Verlage den Zeitungsvertrieb an externe Firmen delegiert haben, diese Firmen ihrerseits wieder Subunternehmer beschäftigen, eben die Zeitungszustellagenturen. In einer solchen war ich Betriebsrat. Hätten wir den Lohnsenkungen nach 2002- für Neuverträge de facto um ca. 50% Lohnsenkung- nicht zugestimmt, wäre es “ unserer“ Agentur so ergangen, wie anderen: Die Agentur bekommt keine Aufträge mehr, der Generalunternnehmer kreiert einen neuen Subbi, und schon sind nicht nur die Neuanstellungen lohngesenkt, sondern alle. Denn von der alten Agentur sind dann alle arbeitslos, die dürfen sich, so sie vorher nicht zu den “ Motzern“ und “ Aufrührern“ gehören, dann bei der neuen Agentur bewerben. Natürlich zum neuen Lohn.Vor diesem Hintergrund, daß Hilfsarbeiter heutzutage für 40-50 Stundenwochen kaum noch über 700 Euro brutto kommen, sind die 1500 Einstiegsgehalt des Lokführers fast schon Luxus.Meiner Erfahrung nach ist das jetzige Sozialsystem überhaupt nicht mehr geeignet, die Kriterien Sicherheit für den einzelnen und hinreichende Flexibilität für die Wirtschaft zu gewährleisten. Das Grundeinkommen sehe ich als die Lösung an, die hier für alle am meisten Vorteile verspricht. Interessanterweise ist http://www.dieter-althaus.de , also ein CDU-Ministerpräsident, ein Befürworter dieses Konzepts, hinsichtlich der Bezahlbarkeit kann ich mich nur auf seine Angaben verlassen.
Zum Arbeitsschutz: der existiert nach meinen persönlichen Erfahrungen nur auf dem Papier, in Wirklichkeit hat eine mafiaartige Verzahnung von nebenverdienenden Abgeordneten, Industrie, Berufsgenosssenschaften und Gutachtern es geschafft, daß gefährliche Produktionsverfahren über Jahrzehnte in der Bundesrepublik toleriert werden und die Betroffenen kaum entschädigt werden. Siehe http://www.bk1317.de und meine ganz persönlichen Erfahrungen siehe http://tkurbjuhn.blogspot.com/2007/06/die-initiative.html

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