Doping, die Medien und der Radsport

Die Tour de France hat am Samstag in London begonnen und zugleich auch die heiße Phase für die Radsport-Journalisten. All die Arbeit aus den letzten Wochen und Monaten kulminiert in der 16ten Etappe zum Col d’Aubisque, nach der der Sieger der diesjährigen Tour feststehen wird. Doch der Weg dorthin ist lang, über viele Stunden werden sich die Fahrer durch Frankreich strampeln, viele Stunden wird es nur wenig erhellendes zum Renngeschehen zu erzählen geben und ständig werden den Reportern die gleichen Namen durch den Kopf schwirren:

  • Hagen Bosdorf (ARD-Sportjournalist, zurückgetreten wegen IM-Tätigkeit für die Stasi, Vorwurf der einseitigen Berichterstattung wg Co-Autorenschaft eines Buchs mit Jan Ullrich)
  • Jan Ulrich (deutscher Tour de France Gewinner 1997, zurückgetreten wegen Dopingvorwürfen im Zusammenhang mit Doktor Fuentes)
  • Doktor Fuentes (Spanischer Arzt, ihm wird vorgeworfen Blutdoping organisiert und durchgeführt zu haben)
  • Jörg Jaksche (deutscher Radsportler, gestand im SPIEGEL EPO-Doping))


Zu diesen vier Namen werden sich, je nach Situation noch eine Reihe weiterer aktueller oder ehemaliger Radsportler gesellen, die des Dopings überführt, verdächtigt und verdächtig unverdächtigt sind. Doch halt, lasst uns die Geschichte von Vorne erzählen:

Ich recherchiere das nun folgende nicht mehr nach, sondern verlasse mich auf meine Erinnerungen. Klaus Angermann, Jürgen Emig und Herbert Watterott haben mir die Geschichten in den 15 Jahren, seit ich die Tour verfolge, oft genug erzählt.

Seit 1903, also seid 103 Jahren, wird die Tour de France ausgetragen, dieses Jahr zum 94sten Mal. Vor 103 Jahren also gründete Henri Desgrange als Chefredakteur der Zeitschrift L’Auto zur Auflagensteigerung die Tour de France. Von Beginn an wurde die Tour also medial verwertet und nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrieben, was heute zum „Verkaufen“ von Zielankünften an Städte, Ausloben verschiedener Preise, die mit Trikots in den Farben des Sponsors symbolisiert werden (Bergtrikot in den Fraben eines Kuchenfabrikanten) oder zur Werbekaravane führte. Die Tour war somit schon immer mehr als nur ein sportlicher Wettstreit und die Medien profitierten von der Legendenbildung (lange Etappen, Hochgebirgsetappen) und ausführlicher Berichterstattung.

Auch das Thema Doping ist für die Tour nicht neu. Dopte man sich in der Frühzeit noch mit Kaffee und Alkohol, jährt sich dieses Jahr der Tod von Tom Simpson zum 40sten Mal. Simpson starb am Aufstieg zum Mont Ventoux an den Folgen großer Hitze und eines Amphetamin-Cocktails.
Doping bei der Tour hat also eine lange Tradition, weshalb ich den großen Bohei momentan nicht verstehe. Natürlich haben jetzt einige deutsche Fahrer gestanden, natürlich haben das die Journalisten geahnt, aber die Details nicht gekannt und natürlich ist ein Geständnis wie das von Jörg Jaksche berichtenswert. Aber muss die ARD nun die große Reue zeigen, nachdem man Jahre lang das Team Telekom gesponsored hatte und sich nun herausstellt, dass dies Doper waren? Muss darum nun jeder Radsportler mit schiefem Blick gemustert werden, als ob man ihm ansehen würde, ob er gedopt hat? Ich meine nein!

ARD und ZDF sollten objektiv berichten, das sportliche Geschehen in den Vordergrund stellen und die Dopingproblematik nicht vernachlässigen. Objektiv kann man es aber nicht nennen, wenn in jeder Übertragung und fast jedem Interview das Thema Doping angesprochen wird. Neue Erkenntnisse wird man so nicht gewinnen und die Kritiker werden sich so auch nicht ruhig stellen lassen. Das einzige was hilft ist ordentliche, saubere Berichterstattung, ohne Hetze, Panikmache oder Vertuschung!

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1 Kommentar bisher ↓

#1 Jochen Hoff am 11.07.07 um 10:24

Was ich an der ganzen Geschichte so traurig finde, ist das plötzlich alle so tun, als hätten sie nichts gewusst. Ich sehe die Tour schon seit sie im Fernsehen ist, bin sogar zweimal live dabei gewesen in Alpe d’Huez. Natürlich war mir klar das da gedopt wird und allen anderen auch die da jubelten. Ich weiß auch das unsere Politiker gekauft werden. Ändern kann ich das Doping bei beiden nicht.

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