eBay und die Karteileichen

Einige Leute haben sich mal den letzten Quartalsbericht von eBay genauer angesehen und dabei überrascht festgestellt, dass eBay Millionen an Karteileichen in ihren Benutzerbeständen führt. Sogar 2/3 der angemeldeten Nutzer sollen Karteileichen sein, die aktive Userbase soll trotz 10 Millionen Neuanmeldungen pro Quartal ziemlich gleich bleiben.

Mich wundert das nicht.

Als eBay vor 12 Jahren gegründet wurde, wollte der Gründer eine Tauschplattform für PEZ-Sammelfiguren schaffen, so die Legende. Es gab ein klares Zielpublikum und eBay war ein kostenloser Service. Nach und nach wuchs eBay und ab 1999 explodierte mit der Internationalisierung das Wachstum. Heute steht ein Konzern vor uns, der über eine Milliarde pro Jahr verdient, neben dem Auktionsgeschäft im VoIP Geschäft mit Skype tätig ist und dem eine Bank (PayPal) gehört. Nicht schlecht, für eine PEZ-Tauschplattform.

Warum nun aber diese hohe Zahl an Karteileichen?
Karteileichen sind bei eBay Nutzeraccounts, die in den letzten 12 Monaten nichts ver- oder gerkauft haben.

  1. Negative Bewertungen: Viele Karteileichen haben mit Sicherheit ein oder mehrere negative Bewertungen bekommen. Anstatt dass dadurch andere Nutzer gewarnt werden, wird einfach ein neuer, sauberer Account angelegt.
  2. Fake Accounts: Um die Preise hoch zu treiben, werden Fake Accounts angelegt, die natürlich nie etwas erwerben und so als Karteileichen gelten.
  3. Angebotsgebühr: Um die Angebotsgebühr möglichst gering zu halten, werden die Artikel mit einem Mindestpreis von 1 Euro eingestellt und dann per Fake Accounts der Auktionspreis auf den gewünschten Mindestpreis angehoben. Dazu sind aber zwei Fake Accounts nötig…
  4. Professionalisierung der Plattform: Durch das Einführen der „Sofort Kaufen“ Funktion wurde die Plattform für professionelle Händler attraktiv. Diese verkaufen viel und regelmäßig, weshalb sie viele Fake Accounts benötigen, um die Manipulation nicht auffällig werden zu lassen.
  5. Steigende Preise: Durch die steigenden Nutzerzahlen erhöhte sich die Bieterkonkurrenz und somit die Warenpreise. Eine sechs Monate alte Krups Brotschneidemaschine für eine Mark wird man heute nicht mehr ersteigern können, solche Schnäppchen sind längst passe (eine Baugleiche kostet momentan fast 16 Euro).
  6. Sinkendes Image: „Das hab ich von eBay“ wird heute nicht mehr mit auch nur halb soviel Anerkennung goutiert, wie noch vor 5 Jahren. Betrüger haben ihr übriges getan, um unerfahrene Nutzer anzuschrecken.
  7. Gestiegene Versandkosten: Erwähnte Brotschneidemaschine kostete mich 2,50 Mark Versand, heute verlangt alleine die Post 3,90 Euro. Oft schlagen die Verkäufer hier aber deftig drauf und verlangen 5-10 Euro und verdienen so nebenbei. Ich warte auf die ersten 1 Euro Angebote, die 99 Euro Versand verlangen, darauf im Artikeltext hinweisen und so 4,45 Euro Auktionsgebühr sparen…
  8. Mehrere Accounts zum Schutz der Privatsphäre: Ein Beispiel: Vor 3 Jahren kaufte ich ein Gemälde (dazu demnächst mehr) bei eBay. Das Gemälde hat eine Aufhängung aus drei Vierkantrohren. Aus dem Bewertungsprofil des Künstlers konnte ich ersehen, dass er 3,50 Euro dafür bezahlt hatte…
    Diese Accounts braucht man aber nicht regelmäßig oder vergisst sie gar
  9. Doppelaccounts innerhalb der Familie: Ehepartner brauchen oft nur einen Account, somit liegt der des Partners brach
  10. Sterbefälle von Mitgliedern: Tote kaufen nicht mehr. So lassen sich zwar sicher keine 10 Millionen Karteileichen begründen, ein paar hundert tausend aber wohl schon.

Sicher lassen sich noch viele weitere Gründe finden, so zB konkurrierende Plattformen oder die Unübersichtlichkeit der Webseite. Generell verwundert mich eine Quote von 2/3 nicht. Was mich aber tierisch an dieser Zahl stört ist die Tatsache, dass dort die riesiger Berg an Nutzerinformationen vorliegt, der nicht gelöscht wird. Warum muss eBay nicht alleine schon aus Datenschutzgründen zumindest die Profile von seit 2 oder 3 Jahren inaktiven Nutzern löschen? Zumindest falls diese schon länger nicht mehr eingeloggt haben sollten diese doch für eBay keinen Wert mehr haben, in den Händen der falschen aber schon, schließlich lässt sich oft alleine schon über den Nutzernamen des Transaktionspartners herausfinden, worum es bei der Auktion ging…

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9 Kommentare ↓

#1 Samthammel am 03.08.07 um 09:51

Wäre ja okay wenn Ebay vorher an tote Accounts eine E-Mail schickt, daß dieser nach einem gegebenem Zeitraum gelöscht wird wenn keine Aktivität mehr erkannt wird.

#2 Stefan am 03.08.07 um 12:11

Zu deinen Versandkosten: Es gibt oft „billige“ Markengitarren bei eBay (da kenn? ich mich aus), die 100-150 Euro kosten, was verdammt billig wäre, aber durch 150 Euro Versandkosten aus China den Normalen Preis erlangen.
Nur um das mal schnell zu sagen.

#3 Starkiller am 03.08.07 um 12:18

Jede Plattform bei der man sich einloggen kann hat natürlich Ihre Leichen, das ist nicht neu und läßt sich auch nicht vermeiden. Das Problem beschränkt sich ja nicht mal alleine aufs Internet, wie viele Otto-Kataloge werden wohl jedes Jahr durchs Land geschickt, an Leute die schon gar nicht mehr existieren?

Zur Topic: Interessant fand ich allerdings das ich selbst auch als Karteileiche gelte, ich habe noch nie etwas bei eBay gekauft oder verkauft, keine Ahnung wieso, aber ich habe diese Plattform schon abgeleht bevor sie so unglaublich populär wurde.

#4 Marnem am 03.08.07 um 12:24

@Samthammel
Zusätzlich zum letzten Einlogzeitpunkt wäre das noch eine passende Überprüfung, stimmt.

@Stefan
Guck an, da hatte ich mit meiner spotanen Eingebung gleich die Realität getroffen.

@Starkiller
Ich bin schon seit April 1999 dabei, also noch bevor eBay Alando gekauft hat und damit in Deutschland aktiv wurde. Damals war auch noch alles anders, aber ehrlich gesagt hab ich mir die Konkurrenz noch nie bewusst angesehen…

#5 Starkiller am 03.08.07 um 14:40

wer redet den von Konkurrenz?
Ich kaufe oder verkaufe einfach nichts, vor allem nicht gebraucht!

Bei Ebay greift für mich das gleiche Prinzip wie bei Tauschbörsen, damit jemand mehr downloaden kann als er upgeloaded hat, muss ein anderer mehr geben als er nimmt.

Bei Ebay versucht jeder super Schnäppchen (war das eigentlich schonmal Unwort?)zu machen, aber regelmäßig sieht man Leute die von der Bieterlust gepackt dann für ein Produkt mehr bieten als es überhaupt im Laden kostet….absurd.

#6 Samthammel am 03.08.07 um 15:15

@Starkiller: Du hast das Prinzip einer kommerziellen Plattform erkannt: Mehr Geld für wenig oder nicht vorhandenen Mehrnutzen. Ebay dann noch als zusätzlicher Zwischen“händler“ von der Produktherstellung zum Kunden nimmt natürlich auch noch einmal Geld.

Generell finde ich Ebay in Ordnung, ich habe mir dort schon so Manches gekauft – allerdings sollte man nie die Preise im Reallife aus den Augen verlieren. Ein erster Blick von mir geht stehts zu den Versandkosten, da die bei Ebay einfach zum Kaufpreis dazugehören. Diesen vergleiche ich dann letzten Endes.

Mal als kleines positives Beispiel: Ich hatte für ein Handy drei Sachen benötigt (USB-Datenkabel, Schnurheadset und Ladegerät), die habe ich dann (natürlich nicht Original) für 13,98 EUR gekauft, davon waren lediglich 3,99 EUR Kaufpreis. Aber auch so war ich mit dem Gesamtpreis zufrieden – wobei ich gestehen muß, daß ich nicht draußen war um den Preis zu vergleichen.

#7 Starkiller am 03.08.07 um 16:16

hast du das dazu passende Handy auch bei eBay gekauft?
Den all diese Dinge sind bei einem normalen Handy schon dabei, du müsstest also eher die 13,98 mit dem Kafpreis des Handys zusammenaddieren und dann gucken was gebraucht ein komplettes Handy mit Zubehör kostet, dann ist nämlich die Frage wie günstig das wirklich noch ist.

Manche Sachen bringen in Einzelteilen einfach mehr ein.

#8 Samthammel am 03.08.07 um 16:21

Mit den Einzelteilen hast du natürlich Recht, ein zerlegtes Auto zu verkaufen bringt auch mehr als ein komplettes im Verkauf. Hier war es aber so daß ich das Handy ohne Zubehör geschenkt bekam und daher schon die Einzelteile verglichen werden müssen.

#9 Marnem am 04.08.07 um 01:22

Neuware über eBay zu kaufen ist meiner Meinung nach meist blödsinn. Für Gebrauchtes oder Kunst finde ich die Plattform aber ganz praktisch, denn das Angebot ist vielfältig und man findet fast immer was man sucht.

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