Wo fängt Manipulation eigentlich an?

Diese Frage wirft Sofamagnet wirft in einem Kommentar zu 47.000 Herzinfarkte pro Jahr weniger auf.

Wie schön, daß Spiegel-Online in die Zukunft schauen kann. Egal, wieviele Menschen im nächsten Jahr an Herzinfarkt sterben werden – ohne das Rauchverbot wären es 47.000 mehr.

Wo fängt Manipulation eigentlich an?

Manipulation fängt da an, wo der Mensch anfängt unvernünftiges zu tun, denn wenn es unvernünftig ist, muss er wohl manipuliert worden sein, um zu dieser Tat überredet worden zu sein.

Im Marlboro-Country wird der Duft der großen weiten Welt vom HB-Männchen in kleine Stäbchen gepresst

Rauchen kann man nun wirklich nicht als vernünftig bezeichnen, denn was soll schon daran vernünftig sein, kleingeschnittene, getrocknete Blätter so zu verbrennen, dass sie möglichst viel Rauch erzeugen, schliesslich gibt es genügend Müllverbrennungsanlagen, die darauf optimiert worden sind zerkleinertes, getrocknetes Material möglichst ohne Qualm zu verbrennen. Demnach ist Rauchen unvernünftig und es bedurfte Manipulation, den Menschen zu eben diesem zu verleiten. Diese Manipulation nennt man Werbung, bevorzugt damit, dass im Marlboro-Country der Duft der großen weiten Welt vom HB-Männchen in kleine Stäbchen gepresst wurde, welche sich wiederum nur zu 19t (ich dachte elf Freunde sollt ihr sein? Seltsam) wohl fühlen. Opfer dieser Manipulation werden fast immer süchtig und man kann sie an dem trockenen Husten, den gelben Fingern und dem stets griffbereiten Feuerzeug erkennen.
Diese Opfer zumindest zeitweilig von dem Zwang (und der Möglichkeit) ihrer Sucht zu fröhnen (fröhnen kommt von Frohndienst) zu befreien, ist die Aufgabe des Gesetzes, das Du als Rauchverbot bezeichnest. Aufgrund des Qualms der beim Rauchen vorherrschenden Verbrennung werden nämlich nicht nur die Süchtigen gesundheitlich geschädigt, sondern auch die unschuldigen und vergifteten Passivraucher.

Man kann sich nun vortrefflich darüber streiten, ob die Zahl 47.000 exakt so eintreffen wird, dass aber die Zahl der Herzinfarktopfer sinken wird bezweifelt wohl niemand ernsthaft. Ob das nennen einer konkreten Zahl nun Manipulation ist, ist wie bei der Werbung, von Person zu Person anders zu bewerten. Diejenigen, die an diese Zahl in exakt dieser Höhe glauben, mögen sich manipuliert sehen und sind vermutlich auch Opfer der Manipulationsversuche der Zigarettenindustrie. Der große Rest aber liest den SPON-Artikel genau und wird in dem Satz mit der Zahl 47.000 folgendes feststellen (Hervorhebungen von mir):

Wenn deutsche Herzen auf Zigarettenrauch ebenso reagieren wie schottische, dann müsste das Rauchverbot, sobald es bundesweit im Januar 2008 in Kraft tritt, auf einen Schlag bis zu 47.000 Herzinfarkte vermeiden helfen.

Das erste Wort des Satzes ist das Wort „Wenn“ und das nach dem ersten Komma „dann“ und „wenn das Wörtchen wenn nicht wär‘, dann wäre ich ein Millionär“, denn „Wenn … dann“ drückt aus, dass der nach dem „dann“ folgende Satzteil nur zutrifft, falls der sogenannte „Wenn-Teil“ eintritt. Wenn also deutsche Herzen reagieren wie schottische, dann lässt sich aus den schottischen Zahlen extrapolieren, dass 47.000 weniger Herzinfarkte eine mögliche Folge wären. Extrapolationen haben aber immer den Nachteil, dass sie davon ausgehen, das sich die Veränderungen linear zu dem im beobachteten Verhalten verhalten. Natürlich ist es aber möglich und durchaus wahrscheinlich, dass das tatsächliche Ergebnis von der Extrapolation abweicht, wenn auch ein grundlegend verschiedenes Ergebnis unwahrscheinlich ist.

Wir können uns also darauf einigen, dass die von mir gewählte Überschrift „47.000 Herzinfarkte pro Jahr weniger“ manipulativ war, allerdings keine gesundheitlichen Folgen für unschuldige nicht-Leser hat und somit auch nicht beanstandet werden muss. Allerdings kann noch so ein gedrechselter Satz durchaus Schäden an meiner geistigen Gesundheit hervorrufen, weshalb ich mich an dieser Stelle verabschiede und mich dem Bett schnarchenderweise zuwende.

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9 Kommentare ↓

#1 Antje am 21.09.07 um 07:56

Also wer es nach diesem Artikel verstanden hat der … 😉

#2 Starkiller am 21.09.07 um 13:42

Man sollte betonen das obiger Text nur deiner persönlichen Meinung entspricht und mit dem Spiegel Artikel nichts mehr zu tun hat.
Denn deiner Meinung nach ist die Werbung der Zigarettenindustrie der alleinige Grund dafür das Leute mit dem rauchen anfangen, ich frage mich dann allerdings wie das bei anderen härteren Drogen ist, die überhaupt nicht beworben werden dürfen, wie erklärst du da, das diese nach wie vor populär sind?

Was den Kommentar von Sofamagnet angeht, ich bin jetzt nicht 100%ig seiner Meinung, aber ich kann den Standpunkt durchaus nachvollziehen, es hieß nicht das man aufgrund der Beobachtungen aus Schottland mit einer Senkung der Herzinfarkte um $Prozentwert rechnen könne, falls der Rauchverbot wirklich der auslösende Faktor war, sondern du hast in deinem Artikel sogar explizit geschrieben das SPON 47.000 Herzinfarkte weniger für 2008 ‚verspricht‘. Das klingt in der Tat etwas anders und erinnert eher an Teesatzlesungen.

#3 Marnem am 21.09.07 um 20:36

Ok.

Hiermit entschuldige ich mich bei Sofamagnet für diesen Artikel.

Die 47.000 sind eine Extrapolation aus den schottischen Daten und der Anzahl an Herzinfarkten in Deutschland und wie bereits zitiert schreibt SPON ja auch ausdrücklich, dass diese 47.000 nur zutreffen, falls die deutschen wie die schottischen reagieren. Wo da nun Manipulation sein soll, sehe ich trotzdem noch nicht.

#4 Sofamagnet am 22.09.07 um 12:59

Eine Entschuldigung ist nicht notwendig, es liegt kein ehrenrühriges Delikt vor (außer vielleicht „Spiegel“ und „Spiegel-Online“ zu lesen, aber das ist mir nicht unterstellt worden).

Die Manipulation liegt meiner Ansicht nach darin, Aussagen über die Zukunft zu machen. Sicherlich mit den üblichen journalistischen Nebelkerzen (wenn-dann, möglicherweise, kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, es ist nicht auszuschließen, gewöhnlich gut unterrichtete Kreise, usw.) garniert wird hier suggeriert,

1. daß im nächsten Jahr ca. 47.000 Menschen weniger einen Herzinfarkt erleiden werden und
2. daß dieses Minus ausschließlich auf das Rauchverbot zurückzuführen ist.

Wir können nicht wissen, ob das Jahr 2008 überhaupt noch stattfinden wird. Wir können nicht wissen, ob in diesem Jahr überhaupt noch irgendjemand einen Herzinfarkt erleiden wird. Falls ja, können wir die Ursache jedes einzelnen dieser Herzinfarkte noch nicht wissen.

Die Manipulation sehe ich darin, derartige Spekulationen als gesicherte Tatsachen darzustellen.

„Manipulation fängt da an, wo der Mensch anfängt unvernünftiges zu tun, […]“
Der Mensch ist kein reines Vernunftwesen, er wird vielmehr vom Herzen (nicht die Cognacpumpe, sondern das feinstoffliche Organ) und vom Bauch gesteuert. Ginge es um die Vernunft, wäre es absolut vorangig, die verheerendste Droge aller Zeiten, den Alkohol, zu verbieten, bzw. drastisch zu verteuern (skandinavisches Niveau + Faktor 10).

#5 Marnem am 22.09.07 um 15:57

Die Entschuldigung galt auch vor allem der Tatsache, dass ich einen eigentlich ganz normalen Kommentar zum Anlass genommen habe, mich über Dich lustig zu machen. Sorry dafür.

@Topic:
Ich weiß auch nicht, ob der morgige Tag stattfindet. Bedeutet dass Versprechen, morgen meine Schwiegereltern in Spe zu besuchen auch, eine Spekulation als gesicherte Tatsache darzustellen?
Sind alle Prognosen spekulativ und damit manipulativ?
Was hältst Du von meiner Prognose dass Du innerhalb der nächsten 24h mindestens einmal aufs Klo musst und es darum sinnvoll wäre, dich nicht für diesen Zeitraum in einen Fenster- und Toilettenlosen Raum zu sperren, wenn man anschließend nicht putzen müssen will? Ist die auch manipulativ?

Sicher, es könnte reiner Zufall sein, dass letztes Jahr deutlich weniger Schotten einen Herzinfarkt erlitten haben, so könnte zB das Rauchverbot dazu geführt haben, dass die Herzinfarktgefährdeten zum Rauchen die Kneipe verließen und dort Verkehrsunfällen zum Opfer fielen oder einfach erfrohren sind und sie darum keinen Herzinfarkt erlitten. Halte ich aber für unwahrscheinlich.

Ich halte es durchaus für manipulativ eine Hochrechnung bzw eine Extrapolation der schottischen Statistik für unglaubwürdig zu bezeichnen, nur weil ein Zahlenwert genannt wird und auf das Rauchverbot zurückgeführt wird. Wie hättest Du die Kernaussage, dass in Schootland signifikant weniger, nämlich 17%, Schotten zwischen April 2006 und Januar 2007 als zwischen Juni 2005 und April 2006 einen Herzinfarkt erlitten und Forscher der Uni Glasgow dies auf das Rauchverbot zurückführten und ähnliches auch in Deutschland passieren könnte, formuliert?
Gut, in Irland war der Rückgang nach dem Rauchverbot „nur“ 11%, aber selbst von diesen 11% ausgehend wäre die Zahl in Deutschland bei rund 30.000 Herzinfarkten. Ob nun aber 47.000 oder 30.000, die Kernaussage, dass ein Rauchverbot zu einem signifikanten Rückgang der Infarktzahl führen dürfte, finde ich ziemlich bemerkenswert. Eine drastische Verteuerung von Alkoholika würde diesem Effekt mich Sicherheit nicht abträglich sein und bekäme meine Zustimmung.

#6 Sofamagnet am 24.09.07 um 10:12

Lustig fand ich nur, daß Du einen langen Artikel auf einen, wie Du selbst sagst, normalen Kommentar geschreiben hast.

Wenn Du – in einer ernsthaften Situation – behauptetest, ich müßte in den nächsten 24 Stunden aufs Klo, kannst Du ganz sicher sein, daß ich, nur um Dich zu widerlegen 24 Stunden lang weder etwas essen noch etwas trinken würde. Ein Fastentag ist immer gesundheitsfördernd.

Zufälle gibt es nicht. Feststehende Tatsache ist, daß die Schotten weniger Herzinfarkte erlitten haben als im Vorjahr. Die behauptete Ursache, daß weniger geraucht wurde, muß entweder positiv bewiesen werden oder durch Auschluß *aller* denkbaren anderen Möglichkeiten als einzige Möglichkeit übrig bleiben.

Wurde untersucht, ob dieser Rückgang damit zusammenhang, daß die Schotten vielleicht in Folge der englischen Sozialpolitik weniger essen konnten, ob sie weniger Schweinefleisch, Tiefkühlkost, Pommes Frites, Hamburger usw. gegessen haben?

Kein Stück. Die „Forscher“ der Universität Glasgow führen das eine auf das andere zurück. Es handelt sich wohl eher um eine Auftragsarbeit, bei der ein gewünschtes Ergebnis bestellt wird und die „Wissenschaft“ besteht dann darin, zu wissen, wie man dieses zusammbastelt.

#7 Antje am 24.09.07 um 11:05

Heute morgen wurde im ARD-Morgenmagazin die Zahl 50.000 genannt 😉

#8 Marnem am 24.09.07 um 12:41

@Antje:
Kein Wunder, schreibt SPON im Teaser (Hervorhebung von mir):

Wird bald auch bis zu 50.000 Deutschen der Infarkt erspart bleiben?

@Sofamagnet
Wenn die Glasgower Studie eine Auftragsarbeit war, bei der herausgearbeitet werden sollte, wieviele Herzinfarkte es wegen der Gesetzgebung weniger waren, dann kann man sich darüber unterhalten, ob evtl die Studie falsch und manipulativ ist. Einem darüber berichtenden Journalisten würde ich das dann aber nicht unbedingt anhängen.

#9 Sofamagnet am 24.09.07 um 15:19

50.000 Deutsche haben noch ein Herz? Erstaunlich. Wofür denn? Für Hunde?

@ Marnem
Man kann sich in der Tat darüber unterhalten, ob die Glasgower Studie falsch und manipulativ ist. Um dabei zu einem Ergebnis zu kommen, muß vorher geklärt werden, was Wissenschaft überhaupt ist. Dabei kommen wir aber bestimmt vom 100sten ins 1.000ste und das Thema dieser Diskussion ist mit Sicherheit verlassen.

Ein Journalist sollte meiner Ansicht nach „seine“ Nachricht *auch* kommentieren, alles andere ist einfach nur News-Hurerei. Wer hat die meisten, größten, skandalösesten Meldungen? Das journalistische Ansehen steigt mit der Zahl der publizierten Leichen – notfalls wird nachgeholfen. (Ein böser Spruch, ich weiß.)

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